Beton

Es vergeht kein Tag, an dem man ihm nicht wenigstens einmal begegnet. Man bekommt ihn meistens nicht zu Gesicht, und wenn doch ist es nicht selten ein hässlicher Anblick. Manchmal geht man auf ihm, bisweilen fährt man auf ihm. Manche wohnen in Gebäuden, die fast nur aus diesem Material bestehen: Beton.

PantheonUnd nicht nur der moderne Mensch verwendet ihn. Schon die Ägypter erfanden ein kalkhaltiges Bindemittel, ohne das die Pyramiden wohl niemals hätten entstehen können. Die Römer mörtelten und zementierten ihren Pantheon – er ist bis heute erhalten. Aber auch in Afrika gibt es beispielsweise Streichflächen, die bis heute keine Risse aufweisen. [1]

Beton ist also, kurz formuliert, ein Steigbügelhalter der Zivilisation. Das ist Grund genug, sich das Material und noch vielmehr das, was damit gebaut wurde und immer noch errichtet wird näher zu betrachten. Pyramide

Nach neusten Studien haben also vielleicht bereits die Ägypter ihre Bausteine gegossen und sie nicht, wie bisher angenommen, aus Steinbrüchen bezogen. [2] Das eindrucksvolle Endprodukt: Die Pyramiden. In ihrer frühen Form beinahe auch optisch eine Treppe zum Himmel, vollendet dann Grab mit konkreter Ausrichtung anhand astrologischer Kriterien – der Übergang des begrabenen Pharao in die Welt der Toten manifestierte sich für die Menschen von Damals in einem gewaltigen Gebäude.

ResidenzWie so vieles verschwand auch der Beton im Mittelalter aus dem Alltag. Erst Ende des 18. Jahrhunderts trat er wieder auf und wurde weiterentwickelt. Im Barock griffen die Baumeister beherzt zu Beton; Balthasar Neumann errichtete die Würzburger Residenz und darin das große Treppenhaus samt weltberühmten Deckenfresko – an einer Betondecke. Dieses trägt bis heute das Kunstwerk und die Dachkonstruktion – und überstand auch deren Einsturz nach dem Bombardement 1945. Und wieder symbolisiert Beton Standhaftigkeit und Macht, Herrschaft, Größe – Übergröße. Ist es also verwunderlich, dass auch diese betonierte Größe irgendwann in sich zusammenfällt – nämlich dann wenn das Innere vollkommen Hohl ist?

BauhausNach 1900 eroberte Beton die Städte: Die Breslauer Jahrhunderthalle – aus Beton, sogar das ganze Dach. Albert Einstein entwarf einen Kühlschrank aus Beton – bis auf den Nachteil des enormen Gewichts (300 kg) vollkommen funktionstüchtig. Bauhausarchitektur – und dann das NS-Regime: Zwar war Beton hier nicht das augenscheinliche und vordergründige Material. Jedoch sollten ja gerade zum Ende hin Bunker den Zusammenbruch verhindern – doch es scheint fast so, als konnte nicht einmal Beton diese fatale Ideologie mehr halten.

Burj DubaiBeton: Schutz- aber auch Trutzburg des Menschen. Behausung. Letzte Zuflucht. Basis für alle Himmelsstürmer. Kühle Eleganz, marode Substanz – gibt es ein Material, das ähnlich viele Facetten aufweist? Auf Anhieb fällt mir nur eine Eigenschaft ein, die man mit nacktem Beton wohl nur schwer in Verbindung bringen kann: Wärme. Wie passend. Betrachtet man moderne Hochhäuser aus Stahlbeton und Glas – was spürt man da schon!? Wäre nicht. Ehrfurcht, Schauder – Angst. Und damit sind wir wieder am Anfang der Geschichte: Beton, das bauliche Manifest der Macht.

Lizenfreie Bilder 1,2,4 von pixelio.de, Bild 3 und 5 von wikipedia.de.

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